• Tilmann Cramer

Aus der Praxis - Psychogene Schmerzen




Abbildung aus: "Ueber die Behandlung der Lungenschwindsucht durch die Brusterweiterung" Dr. J. Seiler - Basel und Genf 1862





Stefan, der 51jährige Klient erzählt am Telefon von seinen Schmerzen, die verspätet immer wieder in der Folge entspannender Körperübungen oder auch nach einer eigentlich sehr schönen Sexualität auftauchen. Sie bleiben mehrere Tage, sind sehr stark und oft auch mit dem Bedürfnis nach Rückzug verbunden.

Ärztlicherseits war nichts Auffälliges gefunden worden. Nachdem wir uns ein Bild seines Leidens gemacht haben und ich etwas über seinen Lebenshintergrund erfahren habe, beginnen wir mit der energetischen Arbeit, indem wir beide in die Wahrnehmung des Schmerz-Phänomens hineinspüren.

Die Schmerzen sind nur linksseitig, ziehen sich ("als ob da alles verkürzt ist") von der Fußsohle in die Brust. Im Zwerchfellbereich brennt es äußerst unangenehm und in der Brust herrscht ein beklemmender Druck. Gefühle von Panik, Scham und Flüchtenwollen sind wahrnehmbar. Leichte Übelkeit.

Auf meine Frage ob ihn das an etwas erinnert und wie alt er sich grade fühlt, kommt spontan "zwischen 15 und 16". Dann taucht in ihm - er hat die Augen geschlossen - eine Erinnerung auf, wie er in der Pubertät in der Schule gemobbt wurde. Und wie besonders das hämische Grinsen einer Mitschülerin ihm einen Stich versetzt hat und er in diesem Moment plötzlich all das empfunden hatte: So wie er sich fühlt, wenn er heute diese Schmerzphasen hat.

Bereits durch diese Erkenntnis setzt Erleichterung bei Stefan ein und das diffuse Gefühl in der Brust wandelt sich erst in Schluchzen und dann kann er weinen. Wir gehen nun für eine Zeit in die Stille und ich bitte ihn einfach nur wahrzunehmen, wie sein Zustand ist. Und wie sein Zustand sich wandelt, während die Energie der Brusterweiterung wirkt.


Später erzählt er, dass sich die große Spannung in der linken Körperhälfte auflöste und die Schmerzen verschwanden. Das ganze Körpergefühl ist sanfter, die Brust weiter und im Laufe der Stille richtete er sich unwillkürlich auf.

In meiner Wahrnehmung konnte ich die gesamte körperliche und auch psychische Missempfindung spüren, die da im Körper aus der Pubertätszeit gespeichert war. Faszinierend, dass ich die Spannungsschmerzen sogar "hören" konnte: ein heller schneidernder Ton.





 





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